Wie die Morsezeichen den Buchstaben zugeteilt wurden

Die Zeichen des Morsealphabets wurden nach der Häufigkeit der Buchstaben im Englischen verteilt, und gemessen hat diese Häufigkeit ein Mann mit einem Blick in den Setzkasten einer Druckerei. Alfred Vail, Gehilfe des Telegrafenpioniers Samuel Morse, zählte um 1838 bis 1840 die vorrätigen Bleilettern einer Zeitungsdruckerei in Morristown, New Jersey. Wo viele Lettern lagen, vergab er kurze Signale, wo wenige lagen, lange. Die heutige Belegung entstand allerdings erst 1865, nachdem ein Telegrafenfachmann aus Hamburg den Code umgebaut und eine Konferenz in Paris ihn zum Weltstandard erklärt hatte.

Zwischen dem kürzesten und dem längsten Buchstaben liegen zwölf Zeiteinheiten: Ein E dauert eine Einheit, ein Y oder Q dreizehn, wenn der Punkt als eine Einheit gilt, der Strich als drei und die Lücke innerhalb eines Zeichens als eine. Dass diese Spanne nicht beliebig ausfiel, sondern sich ziemlich gut an der Buchstabenhäufigkeit orientiert, lässt sich nachrechnen und fällt bei deutschem Text sogar besser aus als bei englischem. Die Geschichte dahinter besteht aus vier Etappen, in denen jeweils jemand eine Schwäche des vorigen Standes beseitigte und dabei eine neue schuf. Was von Vails Zählung am Ende übrig blieb, ist weniger, als der bekannte Satz von den Setzkästen vermuten lässt. Wie viel genau, zeigt der Vergleich der alten und der neuen Zeichen Buchstabe für Buchstabe.

1838 bis 1840 Vail zählt Lettern in Morristown

Samuel Morse hatte zunächst gar keine Buchstaben im Sinn. Sein erstes System sendete Ziffern, und ein Wörterbuch ordnete jedem Wort eine Nummer zu. Der Empfänger blätterte nach, ein Telegramm glich einem Codebuch. Praktisch war das kaum, denn jedes Buch musste an beiden Enden der Leitung identisch vorliegen und jeder neue Name brauchte einen Nachtrag. Vail ersetzte das Schema durch ein Alphabet aus kurzen und langen Signalen.

Für die Verteilung brauchte er Zahlen, die es damals nicht gab. Also ging er in eine Druckerei und sah nach, wie viele Lettern jeder Sorte im Kasten lagen. Das Verfahren war klug, aber nicht fehlerfrei. Ein Setzkasten zeigt, was ein Drucker an Vorrat hält, und das deckt sich nur ungefähr mit der Verteilung im laufenden Text. Immerhin bestellt ein Drucker nach, was er verbraucht, sodass der Bestand die Häufigkeit abbildet, mit Schwankungen bei Großbuchstaben, Satzzeichen und Sonderfällen. Der Zeitungston von 1840 färbte die Auswahl zusätzlich ein. Vail rundete nach Gefühl, und manche Zuteilung blieb deshalb bis heute eigenwillig, wie sich am Ende des Beitrags zeigt. Die ersten Zeichen waren zudem kein reiner Wechsel aus Punkt und Strich. Einige Buchstaben bekamen längere Striche oder eingebaute Pausen, weil mit zwei Signallängen allein bei weitem nicht alle Zeichen unterscheidbar blieben. Dieses Zeichensystem ging als American Morse in die Geschichte ein.

1844 American Morse und die Leerstellen

Am 24. Mai 1844 ging zwischen Washington und Baltimore der erste öffentliche Telegrammtext über die Leitung, in Vails Zeichen. Auf kurzen Strecken funktionierte der Code gut, auf langen Kabeln schmierten die Signale zusammen. Die eingebauten Lücken wurden zum Problem. Ein C bestand aus zwei Punkten, einer verlängerten Pause und einem weiteren Punkt, also aus einer Folge, die ein Ohr leicht als I gefolgt von E hörte. Ähnlich ging es R, Y und Z. Telegrafisten konnten das beim Mitschreiben auflösen, aber nur mit Erfahrung und nicht zuverlässig. Hinzu kam ein Tempoproblem: Weil das L als langer Strich und die Null als noch längerer gesendet wurden, hing die Dauer eines Buchstabens vom Geber ab, und ein fester Takt ließ sich für das Mithören nicht angeben. Die Verwechslung von C mit IE blieb der bekannteste Stolperstein der amerikanischen Fassung, und sie zeigt, warum der nächste Schritt in Deutschland nicht lange auf sich warten ließ.

Wie schnell sich der Code dennoch durchsetzte, zeigt der Eisenbahnverkehr. In Nordamerika blieb American Morse als Railroad Morse bis ins 20. Jahrhundert im Einsatz, während in Europa eine zweite Linie wuchs. Die Stationen der Entwicklung lassen sich knapp ordnen:

  1. Um 1837 Morse entwirft ein Ziffernsystem mit Wörterbuch.
  2. 1838 bis 1840 Vail entwickelt das Buchstabenalphabet und zählt die Lettern.
  3. 1844 Washington und Baltimore, erste öffentliche Leitung.
  4. 1848 Friedrich Gerke vereinfacht den Code in Hamburg.
  5. 1851 Deutschland und Österreich übernehmen Gerkes Fassung.
  6. 1865 Pariser Konferenz legt die internationale Fassung fest.

1848 Gerke räumt in Hamburg auf

Friedrich Gerke arbeitete an der Telegrafenlinie zwischen Hamburg und Cuxhaven und stieß dort auf dieselben Verwechslungen. Seine Gegenmaßnahme war einfach und radikal: Er strich jede Lücke innerhalb eines Zeichens und legte fest, dass ein Strich genau drei Punktlängen dauert. Mit dieser Regel hat jedes Zeichen eine berechenbare Dauer, und Hören und Mitschreiben verlieren ihre Mehrdeutigkeit. Der Preis war, dass manche Buchstaben länger wurden. Das C etwa, das in American Morse aus drei kurzen Signalen bestand, brauchte nun elf Einheiten. Fast die Hälfte des Alphabets bekam bei dieser Umstellung neue Zeichen, und sämtliche Ziffern wurden neu belegt.

Gerke ergänzte außerdem Zeichen für Umlaute und für CH, die ein englischer Erfinder nie gebraucht hätte. Für das Deutsche war das ein echter Gewinn, und die Zeichen für Ä, Ö, Ü gelten bis heute. 1851 übernahmen Deutschland und Österreich seine Fassung, und der Gerke Code verbreitete sich als Continental Morse in Europa. Nach heutigem Wissen verschob sich damit auch die Gewichtung: Die Reihe der kurzen Zeichen passte nach Gerkes Umbau besser zu deutschen Texten als zu englischen, wie die folgende Rechnung zeigt. Dass dies Absicht war, ist nicht belegt, zumindest ist es ein erstaunlicher Nebeneffekt.

1865 Paris legt die Verteilung fest

Am 17. Mai 1865 schloss in Paris die dritte und letzte Sitzung der Internationalen Telegrafenkonferenz mit der Vereinbarung einer einheitlichen Zeichentabelle. Grundlage war Gerkes Fassung. Das J, das Gerke nicht vom I unterschieden hatte, bekam ein eigenes Zeichen aus einem Punkt und drei Strichen. X, Y und Z wurden geändert, die Ziffern erhielten die heutigen fünfstelligen Folgen, und O und P stammen aus einem anderen deutschen Entwurf von Carl August von Steinheil.

Mit American Morse haben die Zeichen kaum noch Ähnlichkeit. Nur bei E, H, K und N stimmen sie mit dem Original überein, und bei K und N auch nur nach Dehnung der kurzen Striche auf volle Länge. Vails Auszählung von Morristown blieb als Idee bestehen, die Zeichen selbst hat ein Ausschuss mehrerer Länder gesetzt. Die Verteilung nach Häufigkeit ging dennoch nicht verloren. Die Spanne der Dauern reicht von einer Einheit für E bis zu dreizehn für J, Q und Y, und dazwischen liegen die häufigen Buchstaben I, T, A, N und S mit drei bis fünf Einheiten. Seltene Buchstaben bekamen die langen Zeichen, und genau darauf beruht die Rechnung im letzten Abschnitt.

Streudiagramm der Buchstabenhäufigkeit gegen die Zeichendauer im Morsealphabet mit Ausreißer O

Was die Verteilung heute noch taugt

Die Rechnung lässt sich mit dem Taschenrechner nachvollziehen, die Pause zwischen zwei Buchstaben bleibt dabei außen vor, weil sie für alle Zeichen gleich lang ist. Jedes Zeichen bekommt seine Dauer in Punktlängen, einschließlich der Lücken innerhalb des Buchstabens. Gewichtet mit der Häufigkeit im Englischen kommt ein Durchschnitt von 6,08 Einheiten je Buchstabe heraus. Würde man dieselben 26 Dauern streng nach Häufigkeit zuteilen, wären es 5,69. Eine Zufallsverteilung ergäbe 8,23, die denkbar schlechteste Zuordnung 10,58. Der Pariser Code liegt also nur 6,9 Prozent über dem Optimum. Für deutsche Texte beträgt der Abstand lediglich 3,5 Prozent, nämlich 5,53 gegen 5,35.

Auffällig ist ein einziger Ausreißer. Das O ist im Englischen der vierthäufigste Buchstabe, kostet aber elf Einheiten, mehr als doch deutlich seltenere wie M oder U mit sieben. Vertauschte man O und M, sänke der Durchschnitt um 0,2 Einheiten, was etwa die Hälfte des gesamten Abstands zum Optimum ausmacht. Heute leben die Zeichen im Amateurfunk fort und in Kennungen von Funkfeuern der Luftfahrt, und wer verstehen will, wie sich Morsezeichen sauber trennen lassen, findet im Beitrag Morsecode ohne Pausen entschlüsseln die Rechnung zur Mehrdeutigkeit. Zum Ausprobieren ohne Funkgerät passt die Anleitung Morsecode klopfen und verstehen.


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