Morsecode ohne Pausen entschlüsseln

Ohne Pausen ist Morsecode nicht eindeutig lesbar. Die Folge aus drei Punkten, drei Strichen und drei Punkten, bekannt als Notruf SOS, lässt sich ohne Lücken auf 192 verschiedene Arten in Buchstaben übersetzen, darunter IJS oder EEETTTEEE. Das widerspricht einer verbreiteten Annahme: Ein Morsetext bestehe aus Punkten und Strichen, die Pausen seien bloß Schönheit, damit das Ohr nicht ermüdet. Plausibel klingt das durchaus. Jede Lerntafel zeigt für jeden Buchstaben ein festes Muster aus kurzen und langen Zeichen, und wenn jedes Muster für genau einen Buchstaben steht, müsste eine lückenlose Kette dasselbe leisten wie ein Text mit Lücken.

Das Alphabet ist aber so gebaut, dass Muster ineinander stecken. Die Buchstaben haben ein bis vier Elemente. Das E besteht aus einem einzigen Punkt, das T aus einem einzigen Strich, und beide sind der Anfang von je zwölf weiteren Zeichen: Mit einem Punkt beginnen außer dem E noch I, A, S, U, R, W, H, V, F, L, P und J, mit einem Strich außer dem T noch N, M, D, K, G, O, B, X, C, Y, Z und Q. Ein Empfänger, der gerade einen Punkt gehört hat, weiß deshalb nicht, ob der Buchstabe schon zu Ende ist oder weitergeht. Genau diese Entscheidung treffen die Pausen, und ohne sie fehlt dem Empfänger die Information, wo ein Zeichen aufhört.

Woher die Annahme mit den zwei Zeichen stammt

Gedruckte Morsetafeln zeigen jeden Buchstaben für sich, sauber in einer Zelle, mit Platz drumherum. Dieser Platz ist die Pause, nur fällt er auf dem Papier nicht als Zeichen auf. Hinzu kommt der Vergleich mit Binärcodes: Ein Computer kennt ebenfalls nur zwei Zustände, und trotzdem lässt sich eine Folge aus Nullen und Einsen ohne Lücken lesen, weil jedes Zeichen im ASCII Standard genau acht Stellen belegt. Beim Morsealphabet fehlt diese feste Länge, deshalb sind zwei Zeichen allein zu wenig.

Geübte Telegrafisten verstärken den Irrtum noch. Telegrafisten hören keine Elemente, sondern Klangbilder, und die Stille dazwischen nehmen sie nicht als eigenes Signal wahr, so wie ein Leser beim Lesen die Leerzeichen nicht mitliest. Tatsächlich arbeitet das Verfahren mit vier Bausteinen: kurzer Ton, langer Ton, kurze Stille zwischen Buchstaben und lange Stille zwischen Wörtern. Wie sich dieselben Abstände beim Klopfen ohne Ton umsetzen lassen, beschreibt der Beitrag über Morsecode klopfen und verstehen. Viele Online Übersetzer erwarten entsprechend ein Leerzeichen zwischen den Buchstaben und einen Schrägstrich zwischen den Wörtern. Wird die Kette ohne Trennung eingefügt, liefern sie Unsinn oder eine Fehlermeldung, was in Foren immer wieder für Rätselraten sorgt.

Was die Rechnung für 3 bis 12 Elemente zeigt

Die Zahl der Lesarten lässt sich von Hand ermitteln. Jede Lesart beginnt mit einem Buchstaben, dessen Muster am Anfang der Kette passt, und für den Rest der Kette stellt sich dieselbe Frage von vorn. Bei Punkt Strich gibt es zwei Wege: das A in einem Zug oder E und T nacheinander. Bei drei Punkten sind es vier: S, EEE, EI und IE. Ein kurzes Programm, das alle Zerlegungen zählt, liefert für längere Ketten Zahlen, die schnell wachsen. Gemittelt über alle möglichen Folgen aus Punkten und Strichen ergeben sich bei drei Elementen 4 Lesarten, bei vier Elementen 7,75, bei acht Elementen gut 101 und bei zwölf Elementen rund 1337. Mit jedem zusätzlichen Element wächst die Zahl ungefähr um den Faktor 1,9.

Echte Wörter bleiben davon nicht verschont. Das Wort MORSE hat zwölf Elemente und lässt sich auf 1268 Arten deuten, HALLO mit 17 Elementen auf 36558 Arten. Der Spitzenwert bei zwölf Elementen liegt bei 1490 Lesarten, erreicht von der Kette aus zwölf Punkten. Die allermeisten dieser Lesarten sind Buchstabensalat wie EETETEEE, nur eine einzige ist das gesuchte Wort. Je länger die Nachricht, desto aussichtsloser wird es, sie ohne Trennzeichen eindeutig zu entziffern, denn die Treffer verlieren sich in einer Menge, die mit jedem Zeichen fast doppelt so groß wird.

Ein Test mit Stift, Papier und zehn Zeilen Code

Der Selbstversuch gelingt mit einem kurzen Wort. Das Wort ERDE lautet im Morsecode Punkt Punkt, Strich Punkt, Strich Punkt Punkt Punkt, und ohne Lücken bleibt die Kette ..-.-… übrig, acht Elemente lang. Der erste Buchstabe kann ein E, ein I, ein U oder ein F sein, denn alle vier passen auf den Anfang. Für jeden dieser Anfänge beginnt die Rechnung mit dem Rest der Kette neu, und von Hand sind nach einer Viertelstunde einige Dutzend Lesarten notiert. Vollständig sind es 104, darunter EETETEEE, ITLE, UREE und FDE.

Ein Programm erledigt dieselbe Arbeit in Sekundenbruchteilen: Es probiert für den Anfang der Kette alle 26 Muster durch, ruft sich für den Rest selbst auf und sammelt die Ergebnisse. Erst der Abgleich mit einer Wortliste trennt Sinn von Unsinn. Von den 104 Lesarten bleibt als gängiges deutsches Wort allein ERDE übrig. Bei längeren Texten reicht das nicht mehr aus, dann kommen Buchstabenhäufigkeiten und die Wahrscheinlichkeit von Wortfolgen ins Spiel, und selbst damit bleiben bei kurzen Nachrichten mehrere Deutungen gleichwertig. Eine Wortliste ersetzt die Pausen also nur dann, wenn das gesuchte Wort in der Liste steht und kaum Konkurrenz hat.

Wo die Annahme trotzdem stimmt

Ganz falsch ist die Idee vom Morsen ohne Lücken nicht. Es gibt Stellen, an denen das Alphabet Pausen tatsächlich überflüssig macht, und genau diese Stellen erklären, warum sich der Irrtum so lange hält. Ein Funker, der Zahlenreihen oder Betriebszeichen in einem Zug aufnimmt, erlebt den Code als lückenlos und eindeutig, und diese Erfahrung überträgt sich leicht auf das ganze Alphabet. Hinzu kommt, dass das Gehör Mehrdeutigkeiten im laufenden Text unbemerkt auflöst: Ein Gehirn, das ein Wort erwartet, hört auch dann das richtige, wenn eine Pause ein wenig zu kurz geraten ist. Die folgenden Fälle zeigen, wo die Vorstellung vom pausenlosen Morsen ihre Berechtigung hat und wo sie in die Irre führt.

  • Ziffern haben stets genau fünf Elemente, die 1 lautet .—- und die 0 besteht aus fünf Strichen. Eine reine Zahlenfolge lässt sich daher ohne Pausen in Fünfergruppen schneiden und eindeutig lesen.
  • Betriebszeichen werden absichtlich ohne Lücke gesendet. AR als Ende der Nachricht besteht aus den Elementen .-.-. und gilt als ein einziges Zeichen, genau wie SK für das Ende des Funkkontakts.
  • Die vier freien Muster mit vier Elementen wurden für deutsche Sonderzeichen vergeben: Ä, Ö, Ü und CH. Die Mehrdeutigkeit bleibt davon unberührt.
  • Im Funkbetrieb bildet der Zusammenhang eine zweite Sicherung: Ein bekanntes Rufzeichen oder ein vertrautes Wort wird auch dann richtig gehört, wenn eine Pause schlampig ausfällt.

Für eigene Morsenachrichten in Textform folgt daraus eine einfache Regel: Zwischen den Buchstaben steht ein Leerzeichen, zwischen den Wörtern ein Schrägstrich, und beide gehören zum Code wie die Punkte und Striche selbst. Eine Kette ohne diese Trennung weiterzugeben bedeutet, dem Empfänger ein Rätsel zu überlassen, wie es in Foren und Rätselheften häufig auftaucht, mit Hunderten möglicher Deutungen. Ein Entschlüssler kann dann bestenfalls eine Rangliste der wahrscheinlichsten Lesarten liefern, aber nie die eine richtige.


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